Eisbrecher auf Herzfang
16. Januar 2012 | Von Die Bildidee | Kategorie: Leitartikel
Eisbrecher auf Herzfang
Darf ich mich kurz vorstellen? Mein Name ist Mogli,
bin ein edler Wald- und Wiesenkater,
schwarz-grau-getigert
und rundum glücklich,
denn ich habe mir einen
Hauptgewinn erarbeitet.
Greifen wir in das Geschichtsrad und drehen es um ein paar Jahre zurück. Es wird das Jahr 1998 und es ist Sommer. Ort der Handlung ist Bad Salzuflen. Für viele Menschen eine gute Erholungsadresse. Viel Wald, Solequellen, eine schöne Altstadt und so weiter. Für uns Tiere gibt es ein gutes Tierheim mit vielen freundlichen Händen in diesem Ort.
Genau da saß ich in einer Box und lies alles Revuepassieren was in meinen kurzen Lebensdasein – 3 Monate – ich schon alles erlebt hatte. Meinen Erzeuger kenne ich nicht. Meine Mutter habe ich nur flüchtig wahrgenommen. Schon lag ich in freier Wildbahn, ohne Erfahrung als Katze gesammelt zuhaben.
Mein Magen knurrte, keine Muttermilch oder wenigstens Wasser zufinden. Niedergeschlagen lag ich da. Doch da kamen freundliche Leute, betrachteten mich und brachten mich in dieses schöne Tierheim.
Jetzt bin ich schon einen ganzen Monat hier und fresse denen das Futter weg. Es waren schon viele Menschen hier, die eine Katze mitgenommen haben. Keiner wollte aber mich, eine reinrassige Wildmischung. Na, ich war ja nur eine schnöde Bauernhofkatze in den Augen der Besucher. Dann kam mir die Eingebung: Warum soll ich mir nicht selber meine Leute aussuchen?
Und wie ich noch so im Halbschlaf liege, kommt eine Stimme an meine Ohren. „Kannst dir die Katzen anschauen, aber für mich sind sie nichts“, sagte da ein potenzieller Dosenöffner, in späh. Alle Instinkte gingen auf Frontalangriff. Jetzt nicht lange fackeln. Das wollen wir mal testen, ob der meinem Scharm wiederstehen kann? Mit ein paar Sprüngen war ich schon bei ihm. Ein Mauzen, einen galanten Augenaufschlag und er nahm mich in die Hand.
Betrachtete mich kurz und fragte: „Wer bist du denn?“ Mein Herz fing an zu rasen, die Nase lief wie ein Wasserfall und vor Freude fing ich an zu Teckern. „Eeeer hat mit miiiir gesprochen! Er hat mich bemerkt!“ Dann schaffte ich es, in seine offene Lederjacke zu kriechen. Doch das wollte er nicht. Holte mich wieder hervor und wollte mich, was ich aber nicht wollte, seiner Begleiterin geben. Jetzt wurde die Sache aber brenzlich für mich. So beschloss ich mich einfach in seiner Hand einzudrehen.
Platz hatte ich da genug, als Federgewicht. Es tat sich nichts, er wollte mich immer noch weiter reichen. Jetzt konnte ich meiner Enttäuschung keinen Rückhalt mehr bieten und die Nase lief wie noch nie zuvor. Da nahm er mich und steckte mich wieder in seine Jacke. Jetzt wusste ich, du hast gewonnen, das ist dein neuer verständnisvoller Dosenöffner und so war es auch.
Doch was hörte ich da. Ein großer Hund ist schon bei meiner Eroberung? Er soll auch aus diesem Tierheim stammen.
Dann wird er bestimmt meine Situation kennen und verstehen. Also Freundschaft schließen mit einem Hund heißt das.
Hoffe er nimmt sie auch an. Einige Tage später war es dann soweit. Konnte dem echt großen schwarzen Hund in die Augen schauen. Seine Schnauze war so groß, da hätte ich glatt Platznehmen können. Aber ich muss wohl eine zu kleine Portion für ihn sein,
denn ich konnte gleich mich freibewegen. Hier gab es alles, was man sich in seinen jungen Tagen vorstellen konnte.
Selbst die kühnsten Vorstellungen wurden übertroffen. Eine eigene Schlafstätte, verschiedene Fütterarten, Katzenmilch, Spielzeug und vieles zu entdecken. Mit der Hündin Wendy war ich schnell >Dicke Freund<. So verbrachten wir Zwei eine angenehme Zeit. Doch plötzlich wurde ich krank und mein großer Freund war nicht mehr nur Dosenöffner.
Er fuhr oft mit mir in eine Tierklinik. Nur an eine Heilung war nicht zu denken.
So kam es wie es kommen musste.
Mein großer Freund kam öfter mit anderen Katzengerüchen an der Kleidung nach Hause. Meine Gedanken waren verwirrt und stellten sich schon auf eine Trennung, eine Abschiebung wieder ins Tierheim, ein. Doch eines Tages war der Geruch sooo stark, nun dachte ich, es ist soweit, das Ende, der Abschied ist gekommen. Doch weit gefehlt. Ein kleiner neuer Kater kam ins Haus. Ich zog mich zurück und wartete. Wird er mich holen und mir den Kleinen vorstellen? Genauso war es wie ich es mir vorgestellt habe.
Er kam und sagte: „Da bist du ja. Schau dir doch mal Felix an!“ Sollte das bedeuten ich kann bleiben? Er nahm mich auf den Arm und wir betrachteten den neuen kleinen Kerl. Sein Schicksal muss noch schlimmer gewesen sein wie meins. Er war gerade mal vier bis sechs Wochen alt. Meine Freundin die kalte Hundeschnauze und ich haben dann den kleinen Kerl unter unsere Fittiche genommen. Felix war sein Name von nun an. Er ist etwas heller im Fell, aber auch getigert.
Meinen großen zweibeinigen Kumpel habe ich zu unrecht in dem Verdacht gehabt, er wolle mich abschieben. Einen zweiten Sieg habe ich somit noch zu verzeichnen. Hätte ich damals nicht alle Register gezogen, wäre Felix heute auch nicht hier.
Nach einiger Zeit konnte ich mit Felix auch schon Erkundungstouren unternehmen. Nicht gerade immer zur Freude meines Dosenöffners.
So mannnncher Blumentopf, so mannnche Blumenvase und andere Dinge gingen zu Bruch. Doch durch unser ungestümes und lustiges Treiben haben wir nicht die Veränderungen bei Wendy bemerkt. Bei der Hundedame ging die Gesundheit langsam den Berg runter.
Nach einer aufwendigen Operation wurde es wieder besser. Doch leider was das nur von kurzer Dauer. „Unheilbar“ war die Diagnose.
Als wir den kleinen Felix aus dem Gröbsten heraus hatten, hat sie uns verlassen. Eigentlich war uns Chef nur wegen Unpässlichkeit von Wendy zur Tierklinik gefahren. Doch er kam alleine zurück.
Ihr Alter? Hier im Hause war sie 14 Jahre, habe ich erfahren.
Doch ihr richtiges Alter sollte so bei 17 – 18 Jahren liegen. Ein gutes Alter für einen Hund.
Es war mit einmal still in unserem Reich. Alle waren wir traurig. Für Wendy war es so am Besten.
Am späten Nachmittag gingen dann unsere Herbergseltern fort und ließen uns in der Trauer alleine, dachten wir.
Nein, sie waren zum Tierheim gefahren. Genau in das, wo wir auch vorher waren, um uns einen neuen Beschützer zu beschaffen. Sie kamen mit Sultan, einem schwarzen deutschen Kurzhaar-Schäferhund von stattlicher Figur zurück.
Felix stürzte auf den pechschwarzen Kameraden los als wäre er nur zu einem langen Gassi gewesen. Meine Freude konnte ich auch nicht zurückhalten und ging auf ihn zu – der war etwas größer, kürzere Haare und roch noch nach Tierheim.
Erst mal habe ich ihm die kalte Schulter gezeigt. Dann dachte ich: „Auch ein armer Teufel aus dem Tierheim“ und habe dann schnell Freundschaft mit ihm geschlossen. Nun machte uns „Klein Felix“ große Sorgen. Immer häufiger hatte er epileptische Anfälle. Unser ganz großer Katzenkumpel hat das aber mit dem Doktor schnell in den Griff bekommen.
Jeden Morgen muss er jetzt Tabletten nehmen. Habe gehört, das sind die gleichen, die Menschen bei der gleichen Krankheit nehmen.
Nur gibt es diese nicht auf Kassenrezept, sondern nur auf Privatrezept.
Unser neuer schwarzer Schäferhund Sultan – auch ein Mann – hat sich gut eingelebt. Er ist zwar Reinrassig mit Stammbaum, Papiere und einem Adeltitel mit „von“. Macht sich aber nichts daraus. Jetzt hatten wir so ein schönes Männertrio.
Eines Tages kam unsere Regierung, ganz unverhofft mit einem neuen schwarz-weißen Kater auf dem Arm zur Tür herein. Der war sooo klein. Der war höchstens vier Wochen alt. Roch ebenfalls nach Tierheim und wusste aber auch gar nichts. Nur den Gang zur Katzentoilette hatte er schon gelernt. Das war auch man gut so. Sein Name war Balu.
Was sich als Prophezeiung für sein Verhalten herausstellen sollte. Schon hatten wir wieder eine neue Aufgabe. Diesen kleinen Katzenbruder groß zu ziehen. Erfahrung mit der Kinderpflege war ja schon von Felix vorhanden.
Sultan war erst nicht ganz von dem Zuwachs begeistert. Was sagte der große Chef immer: „Wer hier bleiben will, muss sich einfügen oder kann gehen“.
Alle haben wir es vorgezogen hier zubleiben. Balu ist jetzt auch schon zwei Jahre alt. An meine Krankheit kann ich gar nicht denken, denn ich habe immer etwas hier im Hause zu erledigen – und, wenn es nur Katzenkinder großziehen ist als Kater. Ich bin stolz auf einem dritten Sieg bei meinen großen Kumpeldosenöffner.
Wir sind dicke Freunde im laufe der sechs Jahre geworden. Jeden Abend beweise ich ihm meine Freundschaft und lege mich in seinem Arm zum behüteten Schlaf. Felix und Balu haben ebenfalls ihren festen Platz in seinem Bett, dieses eigentlich Katzenfeindes. Aber aus Feinden können auch Freunde werden. Und alle sind wir dicke Freunde.
Warum ich Euch diese Tatsachen erzähle? Man sollte mit dem Vorurteil aufräumen, nur wenn Tiere von Klein auf zusammen sind vertragen sie sich auch.
Mein großes Katzenehrenwort, es klappt auch anders. Hier ist der Beweis.
Vor gut einem Jahr hat dann die zweibeinige Regierung eine neue Bleibe für sich und uns besorgt.
Jetzt kommt er oft mit anderen Katzengerüchen ins Haus.
Aber das stört uns nicht mehr.
Ich habe mitbekommen, dass am und ums Haus noch weitere Katzen leben.
Um die kümmert er sich ebenfalls.
Geht mit ihnen zum Tierarzt.
Sultan, ja der hat eine Freundin gefunden.
Eine Besondere. Aber darüber sprechen wir später in einer extra Geschichte.
Doch vor einigen Wochen haben wir uns gewundert. Kam doch eine kleine Katze von draußen ins Haus. Die wollte sich wohl hier breit machen, dieser Dreikäsehoch. Unser Chef hat sie wieder vor die Tür gesetzt zu den Anderen. Doch wie er erzählte, ging diese Katze nicht von der Tür weg. Eine ganze Nacht und den darauffolgenden Tag saß sie da.
Selbst Sultan störte sie nicht. In einem unbeobachteten Moment ging sie mit Sultan ins Haus. Stürzte sich auf unsere Futterbar als ob es morgen nichts mehr gäbe. Im Gegenteil, täglich gibt es anderes Futter für uns. Knuffig war diese kleine forsche Katze schon. Habe sie eigentlich gleich in mein großes Katzenherz geschlossen.
Felix war etwas zurückhaltender und fauchte den vermeintlichen Eindringling kräftig an. Sultan war noch am raten und schnüffeln. „Ist es nun ein Kater oder eine Katze?“ Das gefiel dem kleinen Wurm aber nicht. So bekam Sultan erst einmal die feinen Krallen zuspüren. Noch waren die Zweibeinigen Freunde am beraten, ob oder ob nicht.
Als der kleine Wurm die Entscheidung selber fällte. Er nahm einfach platz in unserer Schlummerecke auf dem Sofa und schlief ein. Damit war die Tierfamilie um ein Mitglied größer.
Am folgenden Tag fuhr der Chef dann in die Tierklinik zum Gesundheitsscheck und Impfen.
Dabei stellte sich heraus „Es war ein Mädchen“. Sie bekam dann den Namen „Pauline“.
Jetzt ist sie schon drei Monate hier, versucht und schafft es auch, charmant die erste Geige zu spielen.
Im Aussehen und Verhalten ist sie das Abbild von Felix. Auch sie hat schon ihren eigenen festen Platz zum schlafen.
Schlafen tun wir bei unserem Chef, der schläft so ruhig, das ist ein Traum. Wir halten ihn auch immer schön warm.
Das muss ich doch noch loswerden. Hat diese kleine Katzendame meine Masche von damals noch um einiges an Dreistigkeit übertroffen.
Wir haben uns alle an Pauline gewöhnt und lieben diesen Fratz. Doch Hauptchef bleibe ich. Das Vorrecht Sultan als Kopfkissen beim Nickerchen zu benutzen, verteidige ich. Na ja, das Anschmiegen versuchen Felix und Balu bei Sultan auch schon.
Und wenn ich dann so bei Sultan träume, dann weis ich. „Wir haben ein fürchterliches Katzen- und Hundeleben hier mit einem rundum sorgenfreien Wohlfühlpaket.“
NS.
Nach Siebeneinhalbjahren ist es mir schwer, sehr schwer gefallen Mogli einschläfern (30.09.2005) zu lassen. Das Wasser in seinem Körper war soviel, dass es für ihn eine Qual war zu laufen. Er schlief fast nur noch. Schwerenherzen habe ich mich für die Humanlösung mit dem Tierarzt entschlossen. Doch selbst da hat er noch gekämpft. Nach einer Stunde habe ich ihn aus der Klinik getragen und wir sind heimgefahren.
Er hat eine würdige Ruhestätte im Garten bekommen. Habe eine Bepflanzung als sichtbares Zeichen an der Stelle vorgenommen. Jeden Tag schaue ich auf sein Grab und … er fehlt allen.
Bis heute geht weder Felix, Balu oder Pauline in Mogli´s – Schlafkiste. Nein, sie schauen jeden Tag rein und gehen wieder. Felix, den Mogli ja großgezogen hat, sucht ihn noch jede Nacht und das Noch heute.








